Die Herausforderung von Übergängen und der Wechsel von Aktivitäten im Alltag neurodivergenter (autistischer) Menschen       

Paradoxes, widersprüchiches, extremes Denken, Fühlen, Handeln bei Neurodivergenz

Über die Kunst, in einer lauten Welt sanft zu wechseln.

Es gibt Tage, an denen ich schon beim Aufstehen spüre, dass mein inneres System heute anders reagiert. Mein Kopf ist wach, mein Körper müde, die Welt um mich herum zu laut, zu hell, zu nah. Sie begleiten uns ständig: vom Schlaf zum Wachsein, vom Innen zum Außen, von der Stille in die Bewegung, von einem Gedanken zum nächsten.

Für viele Menschen sind diese Wechsel völlig selbstverständlich. Doch für neurodivergente Menschen – Autist:innen, ADHSler, Hochsensible oder Hochbegabte können genau diese kleinen Schritte zu riesigen inneren Bergen werden. Übergänge sind keine Nebensache.

Sie sind das Herzstück unseres Alltags.


Wenn der Übergang schon  morgens beginnt


Manchmal sitze ich im Auto vor dem Haus und komme einfach nicht raus. Nicht, weil ich nicht will, sondern weil da dieser Moment zwischen zwei Welten ist: der Rückzugsort Auto – sicher, kontrollierbar, keine Reize; und der Eingang nach draußen – Geräusche, Gespräche, Erwartungen.


Es ist, als müsste ich kurz die Frequenz wechseln, bevor ich bereit bin.


Solche Übergänge gibt es überall: vom Arbeiten ins Abschalten, vom Alleinsein ins Miteinander, vom Außen ins Innen. Der Körper spürt sie, oft bevor der Verstand nachkommt.


Neurodivergente Menschen erleben in solchen Momenten oft ein ganzes Orchester in sich: Gedanken, die in alle Richtungen springen, Emotionen, die nicht eindeutig sind, Körperreaktionen, die verwirren. Der Kreislauf spürt Stress, noch bevor etwas passiert.


Und genau hier beginnt der Stress – nicht in der Reizüberflutung selbst, sondern in der Phase dazwischen, der Unschärfe, dem Dazwischen.


Wir leben in einer Welt, die auf Geschwindigkeit ausgelegt ist. Schnelles Erledigen, Anpassen, Funktionieren. Doch für ein nervous system, das auf Feinjustierung programmiert ist, bedeutet Schnellschalten eine Überforderung.


Deshalb: Übergänge verdienen Raum. Bewusst gestaltete Zwischenräume helfen, das System zu stabilisieren. Mini-Pausen, Atemzüge, Rituale – sie sind keine Schwäche, sondern Regulation.


Der innere Kompass und das Aufspüren feiner Bewegungen


Wenn das Nervensystem ständig Alarm schlägt, verliert man leicht die Orientierung. Der eigene Körper kann dann zum besten Kompass werden – man muss nur wieder lernen, ihn zu lesen.


Spürst du, wenn der Körper „Nein“ sagt, obwohl der Kopf weiterrennen will?
Merkst du, wann du beginnst, dich zu maskieren, obwohl du eigentlich Ruhe brauchst?

Diese Wahrnehmung entsteht nicht im Kopf, sondern in den feinen Signalen des Körpers: in Muskelspannung, Atemfrequenz, Temperaturempfinden.


Neurodivergente Menschen erleben hier oft Extreme: Entweder völlige Überempfindlichkeit gegenüber Reizen – jedes Geräusch, jede Berührung wird zu viel – oder das Gegenteil, Taubheit, fehlendes Schmerzempfinden, Dissoziation. Beides sind Ausdruck desselben Themas: der gestörten Verbindung zwischen Innen und Außen.


Und hier beginnt Heilung – nicht durch sofortige Veränderung, sondern durch bewusstes Wahrnehmen, durch das stille Beobachten. Ohne Bewertung. Ohne Ziel.

Manchmal heißt Selbstfürsorge schlicht: im Auto sitzen bleiben. Die Hände auf das Lenkrad legen. Atmen. Warten, bis Körper und Geist sich auf dieselbe Wellenlänge eingependelt haben.


Rituale als Brücken


Zwischenräume brauchen Rituale.

Ein kleiner Atemzug zwischen zwei Terminen. Ein Schluck Wasser, bevor du Raum und Rolle wechselst. Eine bewusste Bewegung der Schultern, um Anspannung loszulassen.

Für viele Neurodivergente ist Struktur kein Zwang, sondern Sicherheit. Klare Regeln, Abläufe, Routinen – sie geben Halt in einer Welt, die sonst zu viel Information auf einmal liefert.

Darum ist es heilsam, Übergänge aktiv zu gestalten:

  • Wenn du das Haus betrittst, atme einmal tief durch – Ankommen.
  • Wenn du von Arbeit auf Feierabend umstellst, schalte bewusst die Umgebung. Licht, Geräusch, Kleidung.
  • Wenn du nach intensiver Interaktion allein bist, gönne dir ein Reset: ein stiller Moment, eine Tasse Tee, ein Spaziergang, sinnlich, körperlich, wirklich.

Diese Mini-Rituale schaffen körperliche Orientierung. Denn der Körper braucht Wiedererkennung, um sich sicher zu fühlen.


Übergänge im großen Stil


Manchmal sind es nicht nur die kleinen Wechsel, sondern die großen: von einer Lebensphase in die nächste.

Ein neuer Job, ein Umzug, eine Beziehung, eine Trennung. Alles sind Übergänge, die Zeit brauchen, auch wenn unser Umfeld gern sofortige Anpassungsfähigkeit erwartet.

Für neurodivergente Menschen ist diese Zeit keine Schwäche, sondern Notwendigkeit – das Nervensystem arbeitet anders. Es braucht mehr Zwischenschritte, um sich an neue Rhythmen zu gewöhnen.


Darum: erlaube dir, langsam anzukommen.

Der Urlaub ist vorbei – du fühlst dich trotzdem ausgelaugt? Kein Versagen. Dein System befindet sich noch in der Umstimmungsphase.

Der Arbeitsplatz hat gewechselt – du funktionierst, aber fühlst dich innerlich taub? Auch das ist eine Übergangsreaktion. Der Körper testet neue Sicherheitsstrukturen.


Bewusstheit schafft Balance.

Ein hilfreiches inneres Bild: Stell dir dein Leben aus Kreisen vor.


in einem Kreis: Arbeit.
im nächsten: Familie.
im dritten: du selbst, deine Ruhe, dein innerer Raum. Und es gibt noch mehr Kreise.


Diese Kreise überlappen, wechseln, verschieben sich. Manchmal dominiert einer, manchmal wird einer kleiner. Übergänge entstehen dann, wenn du von einem Kreis in den nächsten trittst.

Wie du diesen Schritt gestaltest, entscheidet, wie harmonisch dein Nervensystem reagiert.

Ein bewusstes Innehalten verhindert, dass du zwischen den Kreisen zerrieben wirst.


Reize, Überforderung und das Bedürfnis nach Regulation


Neurodivergente Gehirne sind Meister der Wahrnehmung. Sie registrieren, analysieren, verbinden – immer. Gleichzeitig bedeutet das, dass jede Veränderung ein Vielfaches an Verarbeitung erfordert.

Ein falsches Geräusch, ein ungeplanter Termin, ein unerwarteter Anruf – für das Gehirn ist es kein kleines Detail, sondern ein kompletter System-Reset.


Darum entsteht oft dieses Gefühl: „Ich kann einfach nicht mehr.“
Nicht, weil du schwach bist. Sondern, weil dein System gerade zu viele Übergänge auf einmal regulieren muss.

Regulation bedeutet hier: Körper wahrnehmen. Nervensystem beruhigen.

Beispiele dafür:

  • Atmen – tiefer als dein Alltag normalerweise zulässt.
  • Körper spüren – Gewicht der Füße, Schultern, Hände.
  • Pausen planen – bevor du dazu gezwungen wirst.
  • Hydration und Ernährung – regelmäßig, auch ohne Hunger. („Meal Prep“ rettet manchmal den Tag.)
  • Berührung – je nach Bedürfnis sanft oder intensiv, beides kann regulierend wirken.


Viele Autist:innen beschreiben das Bedürfnis nach Druck, nach Struktur – etwa in körperintensiven Praktiken oder Sport. Nicht als Selbstverletzung, sondern als Regulation. Ein Weg, den Körper wieder spürbar zu machen, wenn die Verbindung verloren geht.


Grenzen. Extreme. Balance.


Neurodivergente Menschen leben mit Ausschlägen – emotional, sensorisch, gedanklich. Was für andere Gleichgewicht bedeutet, ist für viele von uns Wellenbewegung.

Hochphasen und Tiefen wechseln sich ab. Das Ziel ist nicht, „ruhiger“ zu werden, sondern bewusster.

Fragen, die helfen können:

  • Wann beginnt mein Verhalten, schädlich zu werden?
  • Wo überschreite ich meine Grenzen – körperlich, seelisch, sozial?
  • Wie kann ich Extremes leben, ohne mich darin zu verlieren?

Balance bedeutet hier nicht Mittelmaß, sondern Bewusstheit im Ausschlag.

Erlaube dir das Feuer, aber wisse, wann es brennt.


Zwischenräume gestalten


Übergänge im Alltag sind überall: vom Meeting in den Feierabend, vom Schreiben ins Reden, vom Denken ins Fühlen.

Oft erwarten wir von uns, den Schalter sofort umlegen zu können. Doch für viele Neurodivergente funktioniert das nicht. Der Körper hat seine eigene Zeit.


Darum ist es hilfreich, Zwischenräume zu schaffen – kleine Brücken zwischen „fertig“ und „neu“.

Eine Minute Stille zwischen zwei Terminen.
Ein Song, der dich wechselt.
Eine bewusste Bewegung – Schultern lockern, Kopf heben.
Ein Satz: „Jetzt bin ich da.“

Diese Mikro-Momente sind elementare Selbstfürsorge.

Denn das Leben ist kein Marathon, sondern eine Folge von Übergängen – innen wie außen.


Der Körper als Übersetzer der Seele ins Sichtbare


Der Körper vergisst nichts. Er reagiert, erinnert, schützt. Jede Spannung erzählt eine Geschichte: Schutz, Stress, Bindung, Angst, Freude.

Neurodivergente Menschen erleben ihren Körper oft als widersprüchlich: mal Überwältigung, mal Taubheit, mal überempfindlich, mal unspürbar. Diese Extreme sind Ausdruck derselben Quelle – des Versuchs, sich zu orientieren.

Körperarbeit kann hier ein Schlüssel sein.

  • Massage, Osteopathie, Craniosakrale Arbeit, Yoga, Atmung, Bewegung.
    Nicht als esoterischer Zusatz, sondern als Kommunikationsform mit sich selbst.

Denn der Körper spricht. Die Frage ist nur, ob du zuhörst.


Bewusst in den Wechsel


Übergänge sind Training für Flexibilität – aber in einem System, das auf Klarheit angewiesen ist, bedeuten sie Anstrengung. Es ist also völlig legitim, Pausen zu brauchen, Reize zu dosieren, und bewusste Übergänge zu praktizieren, statt zu „funktionieren“.

Es hilft, sich immer wieder zu fragen:

  • Was brauche ich gerade – Ruhe, Ordnung, Bewegung, Rückzug?
  • Was kann ich mir jetzt geben?
  • Wo ist mein Körper, während mein Kopf bereits weiterzieht?

Diese Fragen holen dich zurück ins Jetzt – dahin, wo Regulation beginnt.


Über Reize, Selbstregulation und Selbstannahme


Viele neurodivergente Menschen sind mehrfach außergewöhnlich – „twice exceptional“, 2e. Hochbegabung plus Autismus, ADHS plus Sensibilität, Dyslexie plus Kreativität.

Diese Mehrfachheit erzeugt Reibung. Ein ständiges Sowohl-als-auch.


Man liebt Intensität – und braucht gleichzeitig Rückzug.
Man sucht Tiefe – und verzweifelt an Reizüberflutung.
Man denkt schnell – und verarbeitet langsam.


Das führt oft zu Konflikt, Selbstzweifel, Überforderung. Doch das Ziel ist nicht, „normal“ zu werden, sondern das eigene System zu verstehen.

Alles darf sein. Alles gehört zu dir.

Und genau darin liegt der Schlüssel: Akzeptanz erschafft Stabilität.


Denn paradoxe Reaktionen – auf Berührung, Medikamente, Reize – sind keine Fehler, sondern Ausdruck einer fein kalibrierten Wahrnehmung.

Wenn du lernst, deine spezifische Biologie zu lesen, kannst du dich selbst besser regulieren.


Zwischen Chaos und Klarheit


Selbstwahrnehmung ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Manchmal klar und still – manchmal chaotisch und laut.


Veränderung ist am Anfang unangenehm, in der Mitte etwas chaotisch – und am Ende wunderschön.



Zu lernen, Übergänge als Teil des Lebens zu begreifen, bedeutet, sich selbst als fließendes Wesen zu erkennen.

Kein Tag ist gleich. Kein Übergang identisch. Aber jedes bewusste Hinspüren macht dich lebendiger, echter, vollständiger.


Fazit – Dein Rhythmus, dein Tempo, dein Raum


Das Leben ist Bewegung. Und du darfst deinen eigenen Rhythmus darin finden.

Übergänge sind keine Hürde, sondern Lehrer. Sie zeigen, wo dein System Flexibilität braucht, wo es Sicherheit sucht, und wo es Heilung wünscht.

Vielleicht musst du gar nichts „optimieren“. Vielleicht genügt es, den Raum zwischen zwei Atemzügen bewusster zu gestalten.


🩵 Dein Körper ist dein Zuhause.
🩵 Dein Nervensystem dein Kompass.
🩵 Deine Wahrnehmung dein Anker.

Zwischenräume sind kein Leerlauf – sie sind der Ort, an dem du dich findest.




Dazu gibt es auch eine 3teilige Podcast-Folge. Hier geht es zu Podcast-Seite auf meiner homepage


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