Ich weiß gar nicht genau, wo ich anfangen soll. Mehrfach neurodivergent. Doppeldiagnosen. Kombinationen. Überschneidungen. Widersprüche. Gegensätze. Extreme. Aussergewöhnlich anders. Und irgendwie genau das, was die Welt so wahnsinnig spannend macht, auch wenn es manchmal einfach nur anstrengend ist.
Mehrfach neurodivergent - Hochbegabung, Autismus,
ADHS uvm - Doppeldiagnosen und Überschneidungen bei Neurodivergenz und all diese bunten Facetten
Was heißt mehrfach neurodivergent eigentlich?
Wenn ich das sage, dann meine ich Menschen, die nicht nur in einem Bereich neurodivergent sind.
Also nicht „nur“ Autismus oder „nur“ ADHS oder „nur“ Hochbegabung oder Hochsensibilität, sondern etwas davon und noch was anderes obendrauf – oder nebendran – und manchmal auch alles gleichzeitig.
Ich habe mittlerweile so viele Menschen kennengelernt, die mit zwei, drei Diagnosen durchs Leben laufen, ohne jemals so richtig zu wissen, welcher Teil gerade vorn ist.
Ich sag mal so: Es ist ein bisschen wie ein Radiosender mit mehreren Frequenzen. Du hörst alle gleichzeitig und versuchst, sie irgendwie getrennt zu kriegen – geht aber nicht richtig, also lebst du mit dem Rauschen dazwischen.
Das klingt jetzt poetischer, als es ist. In Wirklichkeit ist es manchmal einfach verdammt erschöpfend.
Autismus und ADHS – das Dreamteam der Gegensätze
Diese Kombination ist wahrscheinlich die bekannteste, und gleichzeitig eine, die echt tricky sein kann.
Autismus braucht Struktur, Ruhe, Vorhersehbarkeit
ADHS dagegen liebt Impulse, Abwechslung, Spontanität.
(sehr sehr vereinfacht ausgedrückt, das ist alles viel komplexer)
Und wenn beides in einem Kopf zusammenwohnt, prallen Welten aufeinander.
Da gibt’s Tage, da will man planen, und gleichzeitig platzt man fast, weil man sofort loslegen will.
Alles reizt, alles zieht, alles überfordert – und dann will man sich verstecken.
Ich habe schon oft gehört, dass Menschen gesagt bekommen oder sich auch selber die frage stellen: „Wie kann denn jemand beides haben?“ – Tja, ganz einfach, weil es sich gar nicht ausschließt.
Ganz im Gegenteil. Es ergänzt sich – manchmal schmerzhaft, manchmal genial.
Und das ist genau das Schöne an der neuen ICD‑11. Da steht jetzt nämlich endlich drin, dass diese Kombination existiert.
Früher – nach ICD‑10 – durfte man das gar nicht gleichzeitig diagnostizieren. Als wäre das verboten.
Dabei ist es schlicht gelebte Realität für unglaublich viele Menschen.
Hochbegabung und Hochsensibilität
Das ist so eine Kombi, die ich auch immer wieder erlebe. Hochbegabt zu sein, klingt für viele erst mal toll – so ein Geschenk, so viel Leichtigkeit im Denken – aber ehrlich gesagt: oft ist das gar nicht so einfach. Weil es eben auch mehr fühlen bedeutet. Mehr wahrnehmen, schneller verarbeiten – und damit auch schneller überfordert sein.
Das Gehirn rattert, analysiert, will verstehen.
Das Herz schwingt gleichzeitig auf allen Frequenzen.
Und wenn du beides hast, kommt noch etwas dazu: dieses ewige „Warum spüre ich so viel, warum kann ich es nicht einfach abschalten?“
Doch genau da liegt die Kunst – nicht abschalten, sondern verstehen, fühlen, spüren, wahrnehmen.
Und dann gibt’s ja noch die anderen Kombinationen…
Autismus und Hochbegabung, ADHS und Dyslexie, Synästhesie.....
Manche nennen das „Twice Exceptional“, oder kurz „2E“ – wobei das eigentlich viel zu brav klingt für das, was in Wirklichkeit passiert.
Denn diese Menschen, die in mehreren neurodivergenten Bereichen unterwegs sind, haben oft Fähigkeiten, die unfassbar eindrucksvoll sind – und gleichzeitig Kämpfe, die man ihnen von außen kaum ansieht.
Das sind die Leute, die auf der einen Seite hochlogisch, analytisch, strukturiert denken – und gleichzeitig unglaublich kreativ, sensibel, emotional reagieren.
Das sind die Menschen, die in einer Sekunde komplett im Flow sind und in der nächsten bremsen müssen, weil der Kopf überhitzt.
Ich überlege oft: Wie soll man das überhaupt in Worte fassen?
Manchmal hab ich das Gefühl, Diagnosen sind fast zu klein für das, was wirklich los ist.
Wir wollen Klarheit, ja. Wir wollen verstehen, was da passiert, damit wir uns selbst besser einordnen können.
Aber sobald du ein Wort gefunden hast, kommt gleich das nächste mit rein.
Ich habe irgendwann aufgehört, mich so festzulegen.
Nicht, weil ich Diagnosen ablehne – um Gottes Willen, sie können total wichtig sein – aber sie sind eben nicht das ganze Bild und die existierenden Test können teilweise das Gesamtbild gar nicht abbilden.
Denn am Ende sind wir ja nicht Autismus oder Hochbegabung, wir sind Menschen. Jeder mit seiner ganz speziellen Mischung. Und glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche, denn mein Leben ist geprägt von diesen inneren Konflikten, der Ambivalenz, dem Gefühl von innerer Zerissenheit und dann kommen ja noch die äußeren Einflüsse. Puh, manchmal einfach nur anstrengend und doch so bereichernd.
Filmfiguren, Serien, diese kleinen Spiegel
Ich denke oft, dass genau da Serien und Filme so eine große Rolle spielen.
Sie zeigen, was Worte manchmal nicht schaffen.
Und sie berühren Menschen – auch die, die sonst gar keinen Zugang zu diesen Themen hätten.
Wenn ich an autistische (und hochbegabte) Charaktere, Filme und Serien denke, fallen mir spontan gleich mehrere ein.
Ein paar davon möchte ich nennen, einfach weil sie – auf ganz unterschiedliche Weise – dieses Thema mitten in die Wohnzimmer gebracht haben.
Rainman
Monk
Wochenendrebellen
Sheldon Cooper – The Big Bang Theory/Young Sheldon
Dr. Shaun Murphy – The Good Doctor
Bones - Die Knochenjägerin
Saga Noren - Die Brücke
The Accountent
Sherlock Holmes
Lost in Fuseta
H.I.P.
Atypical
Professor T.
und noch viele mehr
(Beim Bundesverband für Autismus gibt es eine sehr lange Liste mit Filmen und Serien, in den Autisten als Charaktere mitspielen) https://www.autismus.de/fileadmin/SERVICE_UND_MATERIALIEN/Literaturempfehlungen/Filme_und_Serien_zu_ASS.pdf
Serien als Spiegel für Identität
Was ich bei all diesen Figuren merke: Sie öffnen Türen.
Man sieht sich ein Stück weit selbst – oder man versteht jemanden im eigenen Umfeld besser.
Und das verändert etwas, leise, aber nachhaltig.
Viele schauen eine Serie und sagen: „Oh, so bin ich auch ein bisschen.“
Und dann beginnt vielleicht ein Nachdenken, ein Googeln, ein Gespräch.
Für manche ist das der erste Schritt Richtung Selbsterkenntnis.
Und dann sind da noch wir – im echten Leben
Ich glaube, das Spannendste an diesen Darstellungen ist, dass sie nur einen Ausschnitt zeigen.
Im echten Leben ist das alles viel durchmischter.
Da sind Überschneidungen, Paradoxien, feinste Zwischentöne.
Mehrfach neurodivergent zu sein heißt, jeden Tag neu zu sortieren:
Was gehört wohin?
Welcher Anteil braucht heute Aufmerksamkeit?
Und wo darf ich mich einfach treiben lassen, ohne wieder zu analysieren, wer gerade „aktiv“ ist in meinem eigenen Kopf?
Das ist manchmal chaotisch, klar.
Aber es ist auch unglaublich lebendig.
Keine Checkliste, kein Schubladendenken
Ich mag den Gedanken nicht, dass Menschen sich selbst auf eine Diagnose reduzieren.
Das passiert leider oft „Du bist Autist, also musst du dies oder kannst du das nicht.“
Aber ehrlich, wer mehrfach neurodivergent ist, weiß, wie wenig das so einfach hinkommt.
Du kannst hypersensibel sein und trotzdem Abenteuer lieben.
Du kannst hochbegabt sein und dich trotzdem im Alltag regelmäßig überfordert fühlen.
Du kannst ADHS haben und gleichzeitig extrem strukturiert sein, weil du gelernt hast, anders zu kompensieren.
Es ist nie schwarz-weiß. Es ist immer Spektrum. Und ich finde, das ist eigentlich wunderschön.
In mir selbst
Ich merke das ja auch bei mir – wie sich verschiedene Facetten ständig abwechseln, sich gegenseitig ergänzen oder auch mal im Weg stehen.
Manchmal fühle ich mich extrem rational, logisch, planend – und ein paar Minuten später sitze ich irgendwo, völlig reizüberflutet, und denke: „Was war das jetzt?“
Ich glaube, viele kennen genau dieses Hin und Her.
Und vielleicht ist es am Ende auch gar nicht so wichtig, die perfekte Diagnose zu finden, sondern sich zu erlauben, einfach so komplex zu sein, wie man eben ist.
Es gibt keine reine Form
Das ist vielleicht mein Fazit, wenn ich mir all das so anschaue – Meine Patient/innen, Gespräche, Serien, Diagnosen, Menschen, mich selber und auch Wissenschaftler/Mediziner sind ja zwischenzeitlich zu dieser Erkenntnis gekommen.
Es gibt nicht den Autismus.
Nicht das ADHS.
Nicht die Hochbegabung.
Es gibt Kombinationen, Schattierungen, Überschneidungen – und jede davon ist eine eigene Welt.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des Welt-Autismus-Tages oder überhaupt dieser ganzen Bewegung rund um Neurodiversität:
Wir müssen nicht perfekt einordnen.
Wir müssen nur aufhören, Unterschiede als Fehler zu sehen.
💙💚🩷Nicht unsichtbar💛🩵❤️
Und da ist es wieder, das Motto vom Weltautismustag.
Ich mag dieses Motto, weil es so schön auf den Punkt bringt, worum es eigentlich geht.
Sichtbarkeit. Echtheit. Vielfalt.
Nicht unsichtbar heißt: Ich darf da sein.
Mit allen meinen Diagnosen, Facetten, Ideen, Überforderungen, Leidenschaften.
Ich glaube, dass wir als mehrfach neurodivergente Menschen oft genau das in diese Welt bringen: Tiefe, Reflexion, Empfindsamkeit.
Manchmal sind wir chaotisch, manchmal zurückgezogen, manchmal laut, manchmal ganz still.
Aber immer echt.
Und vielleicht reicht genau das.
💙💚🩷Nicht unsichtbar💛🩵❤️






