Die Überschrift lautete sinngemäß:
„Warum ich plötzlich nackt die Wohnung putze, obwohl ich eigentlich duschen wollte.“
Und ganz ehrlich?
Ich habe mich selten so verstanden gefühlt. 😄
Je mehr ich las, desto breiter wurde mein Grinsen. Und noch besser waren die Kommentare darunter. Hunderte Menschen, die exakt dieselben Erfahrungen beschrieben.
Und während ich da saß und las, wurde mir bewusst, dass ich über etwas gestolpert war, das mich mein ganzes Leben begleitet hat.
Es fängt immer ganz harmlos an.
Ich stehe im Badezimmer. Leicht bekleidet. Eigentlich startbereit. Und dann – da ist diese Staubschicht. Auf dem Bilderrahmen. Oder auf dem Schrank. Oder in der Ecke hinter der Tür, wo man eigentlich nie hinschaut.
„Das wische ich noch schnell weg."
Nach einiger Zeit stand mein damaliger Mann plözulich im Bad und schaute mich verwundert an. Ich unten auf den Knien, Schränke verrückt, Ecken geschrubbt, das halbe Bad auf Anfang.
„Ich dachte, du wolltest duschen gehen."
Das ist schon einige Jahre her. Aber ich erinnere mich noch so gut daran. Dieses Auftauchen. Als wäre ich aus einem Nebel herausgekommen. Ach ja. Da war doch was. 😅
Ich war völlig versunken gewesen. Wirklich komplett weg. Nicht irgendwie kurz unaufmerksam – sondern richtig eingetaucht in diese Tätigkeit, und die Dusche hatte in diesem Moment schlicht keine Chance mehr gehabt.
Und das ist nicht einmal vorgekommen. Das ist mehr als einmal vorgekommen.
Vom Briefkasten ins Beet – und wieder irgendwo anders hin
Das mit dem Duschen ist ja nur eine Version davon.
Ich wollte kurz den Briefkasten leeren. Auf dem Weg dahin fiel mir Unkraut im Beet auf. Nur ein bisschen. „Das rupf ich noch kurz raus." Eine halbe Stunde später war das Beet fertig. Der Briefkasten noch voll. 🌿
Oder diese Situationen – Klamotten super sauber, beste Schuhe, Haare fertig, geschminkt, eigentlich auf dem Weg zu einem Termin. Und dann fällt irgendwo etwas auf. In der Küche, im Flur, irgendwo. Und dann fange ich an. Einfach so. Und dann schau ich an mir runter und denke: Nein. Scheiße. Jetzt muss ich mich einmal wieder komplett umziehen.
Das passiert immer noch. Wirklich. Nur mit einem Unterschied: Ich merke es jetzt schneller. Ich schaue auf die Uhr. Ich überlege kurz. Und dann mache ich meistens eine Notiz ins Handy, statt es sofort zu erledigen.
Das klingt simpel. Für mich war das ein echter Lernprozess.
Ja. Duschen steht auf meiner To-do-Liste.
Das meine ich vollkommen ernst.
Auf meiner täglichen To-do-Liste im Handy steht: Duschen. Blumen gießen. Wäsche zusammenlegen. Dinge, die bei anderen irgendwie einfach passieren. Bei mir passieren sie auch – nur manchmal in einer komplett anderen Reihenfolge, zu einer anderen Zeit, oder gar nicht, weil das Gehirn unterwegs auf 25 andere Ideen gekommen ist. 😄
Nicht weil ich vergesslich bin. Sondern weil mein Gehirn dem folgt, was gerade am lautesten nach Aufmerksamkeit ruft. Es sieht die Staubschicht. Es entdeckt das Unkraut. Es springt dahin. Das Duschen läuft ja nicht weg. Die Staubschicht aber – die ist jetzt da.
Diese Liste ist für mich kein Zeichen von Schwäche. Sie ist mein Netz. Sie sorgt dafür, dass die Dinge irgendwann trotzdem passieren – nur zu einem sinnvollen Zeitpunkt, nicht mitten in einem anderen Vorhaben.
Und dann passiert noch etwas Interessantes: Wenn ich später draufschaue, merke ich manchmal – ach nee, so wichtig war das eigentlich gar nicht. Diese gefühlte Dringlichkeit von vorhin hat sich einfach in Luft aufgelöst. Das Unkraut kann noch eine Woche warten. Der Schrank muss heute nicht umgeräumt werden. Manchmal verändert sich die Priorität ganz von selbst, wenn man ihr kurz Zeit lässt.
Zeitpuffer sind kein Luxus. Wirklich nicht.
Ich kann meinen Tag, die Termine nicht eng takten. Das hab ich gelernt – auch wenn es eine Weile gedauert hat, das wirklich anzunehmen.
Denn ich weiß nie, was dazwischenkommt.
Mal kippt die Wasserkaraffe kurz vor einem Termin komplett aufs Sofa (kürzlich erst passiert). Nasser Fußboden, nasses Sofa, erstmal aufwischen. Mal springt das Auto nicht an. Mal kommt ein Anruf von einer Patientin, die gerade kurz reden muss. Mal ist es einfach diese eine Staubschicht. 😅
Das kann keiner einplanen. Das ist das Leben. Meins zumindest.
Dazu kommt natürlich auch, dass ich in die Patienten-und Klienten-Termine voll eintauche und auch danach einfach ausreichend Zeit für mich brauche. Das ist für mich keine Massenabfertigung sondern ich bin dann absolut da und nehme auf allen Ebenen Informationen auf, die ihre Zeit zum Nachwirken brachen oder auch innere Vorbereitungen auf die nächste Session.
Deswegen baue ich mir immer genug Luft ein. Große Zeitfenster zwischen den einzelnen Dingen und Ereignissen. Nicht aus Faulheit. Sondern weil ich dann, wenn doch etwas dazwischenkommt, entspannt sagen kann: Passt. Das kriegen wir noch hin. Statt in diese Hektik zu verfallen, weil der nächste Termin schon wartet und ich noch mittendrin bin in irgendetwas, das ich eigentlich gar nicht eingeplant hatte.
Und ich strukturiere die Liste auch so, dass ähnliche Dinge zusammenpassen. Es macht wenig Sinn, erst zu wischen und dann die Blumen zu gießen und dabei alles wieder aufzuwirbeln. Also schaue ich, was logisch zusammengehört. Was in welcher Reihenfolge stimmiger ist.
Das klingt banal. Für mich ist das aber echte Erleichterung. Weil ich mich darin nicht verliere. Weil der Tag einen Fluss bekommt – auch wenn er selten so verläuft wie geplant.
Das Fotoalbum auf dem Boden
Und dann gibt es diese anderen Momente. Die ungeplanten. Die, für die ich wirklich dankbar bin.
Ich räume auf. Wische Schränke ab, schiebe sie beiseite, mache einen auf. Und dann liegen da die Fotoalben.
Oh nein. 😅
Ich weiß genau, was passiert, wenn ich die aufmache. Ich weiß es wirklich. Und trotzdem mache ich es manchmal. Setze mich auf den Boden. Nehme eins raus. Und dann ist da plötzlich mein Sohn. Klein. Vielleicht drei, vielleicht fünf Jahre alt. Lachend. Dreckige Knie. Dieses Strahlen im Gesicht, das einem einfach das Herz aufgehen lässt.
Und dann laufen mir die Tränen übers Gesicht.
Nicht aus Trauer. Eher aus dieser Mischung, die sich kaum beschreiben lässt. Diese Momente waren. Sie sind vorbei. Und gleichzeitig ist er jetzt 23, verbringt das Wochenende bei mir, schläft irgendwo im Haus, und alles ist gut. Und trotzdem vermischt sich das alles – diese Zeitebenen, diese Gefühle. 🥹
Ich sitze auf dem Boden. Weine. Lächle. Weine weiter.
Und dann, irgendwann, lege ich das Album zurück. Stehe auf. Und merke: Da ist Raum entstanden. Ein Gefühl hat seinen Platz bekommen, weil es diesen Platz gerade gebraucht hat. Es brauchte diesen Moment. Und er hat ihn bekommen.
Das Aufräumen war gar nicht das Wichtige. Ich war das Wichtige.
Und von da aus denke ich vielleicht darüber nach, was ich ihm kochen möchte, wenn er demnächst kommt. Was wir gemeinsam machen wollen. Was gerade dran ist – nicht auf der Liste, sondern in mir. Der Tag hat sich verändert. Etwas anderes ist in den Fokus gerückt. Und manchmal ist genau das richtig so.
Früher: Jonglieren war mein Ding
Das mit den Umwegen, dem Dazwischenschieben, dem immer-noch-einen-Ball-mehr – das war schon immer so. Das ist kein neues Phänomen.
In meinem ersten Leben – so nenne ich das immer – als ich noch in der freien Wirtschaft im kaufmännischen Bereich angestellt war, da war das mein Ding. Da war ich bekannt dafür. Immer noch eine Aufgabe mehr jonglieren. Kollege steht auf der Matte: kannst du schnell mal eben? Ja, kann ich. Kein Problem. Das hat mir damals wirklich Freude gemacht. Mein Gehirn war im Flow, war am Laufen, war dabei.
Da gab es eine Bubble. Einen klar abgegrenzten Bereich, innerhalb dessen alles hin und her geschoben werden konnte. Und wenn ich abends das Büro verlassen hatte, war dieser Bereich vorbei. Die Fahrt nach Hause war der Übergang. Fertig. Sauber. Ich musste mir keine Gedanken machen über das, was zu Hause noch kam.
Jetzt, als Heilpraktikerin und Therapeutin in eigener Praxis, sieht das anders aus. Die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem sind fließender. Patiententermine, Telefontermine, Schreibkram, Instagram, Podcast – und gleichzeitig bin ich auch noch die Martina, die die Wäsche macht, die Blumen gießt und eigentlich duschen wollte. 😄
Das unter einen Hut zu bringen ist eine echte Herausforderung. Und die To-do-Liste, die Puffer, das Strukturieren – das ist mein Weg damit umzugehen. Nicht perfekt. Aber gut genug.
Übergänge – das unterschätzte Thema
Ich hab in einer Podcast-Folge mal über Übergänge gesprochen. Übergänge und Reize, irgendwie so hieß die, glaube ich. Darüber, wie schwer es manchmal ist, von einem Lebensbereich in den nächsten zu wechseln. Weil wir so viel im Kopf haben. Weil die Gedanken nicht einfach aufhören, wenn die Tätigkeit wechselt.
Was mir dabei hilft: sich diese einzelnen Bereiche bildlich vorzustellen. Wie Blasen, wie Kreise. Der Bereich, in dem ich gerade als Therapeutin tätig bin. Der Bereich, in dem ich als Privatperson lebe. Der Bereich, in dem ich schreibe, aufnehme, gestalte. Und dann schauen – was brauche ich, um von einem in den anderen überzugehen? Was darf ich loslassen? Was nehme ich mit?
Für mich ist dieses Bild wirklich hilfreich. Es erlaubt mir, bewusst zu wechseln. Statt irgendwann festzustellen, dass ich in drei Bereichen gleichzeitig bin und nirgendwo wirklich ankomme.
Kleine Anker – große Wirkung
Was ich dir noch mitgeben möchte: diese kleinen Hilfsmittel. Die Dinge, die uns erinnern. Nicht nur an Termine und Aufgaben – sondern an uns selbst.
Manchmal ist es ein Weckerton auf dem Handy, der zweimal am Tag kurz sagt: Hey. Wo bist du gerade? Wie geht's dir? Manchmal ist es ein kleiner Stein in der Hosentasche, den man immer wieder in die Finger bekommt. Ein Foto im Portemonnaie. Ein Post-it an der Badezimmertür – gerne auch mit dem Satz: Du wolltest eigentlich duschen. 😄
Anker nennt man das in Therapie und Coaching. Kleine Techniken, die uns aus dem Autopilot holen. Die kurz unterbrechen. Die sagen: Hey. Schau kurz rein. Da war doch was.
Nicht was auf der Liste steht. Sondern du.
Und das reicht manchmal wirklich. Eine Minute. Einmal durchatmen. Innehalten. Was mache ich gerade? Wo bin ich? Wie fühle ich mich?
Keine große Übung. Kein aufwendiges Ritual. Einfach nur dieses kurze Zurückkommen zu sich. Und das kann mitten im verrücktesten Tag passieren. Auch wenn die Kinder noch klein sind. Auch wenn der Job gerade alles fordert. Auch wenn der Tag eigentlich keinen Spielraum lässt.
Eine Minute. Einfach nur da sein. Das zählt. 💛
Was das alles mit Neurodivergenz zu tun hat
Ich sage das alles nicht, um das Nacktputzen zu romantisieren. 😄
Es ist manchmal wirklich anstrengend. Es kostet, diese Strukturen immer wieder aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Sich selbst daran zu erinnern, was eigentlich dran war. Und es gibt Tage, wo das einfach nicht klappt. Wo ich wieder irgendwo auftauche und gar nicht mehr weiß, wie ich da hingekommen bin.
Aber ich sage es, weil ich weiß, dass so viele von euch das kennen. Dieses Hin-und-Her-Springen. Das gleichzeitige Anfangen von zu vielem. Das Versinken und plötzliche Auftauchen, irgendwo ganz woanders als geplant. Das Schuldgefühl manchmal hinterher. Dieses stille Warum kriege ich das nicht einfach hin.
Und da möchte ich dir sagen: Das ist kein Versagen. Das ist dein Gehirn. Eins, das wahrnimmt, entdeckt, verbindet, lebt. Das der Welt mit einer Intensität begegnet, die anderen manchmal schlicht fehlt.
Das hat seinen Preis. Und es hat seinen Wert. Beides stimmt. Gleichzeitig.
Es braucht die Struktur. Die Liste. Die Puffer. Die kleinen Anker. Und gleichzeitig darf da auch sein, was einfach auftaucht. Das Fotoalbum auf dem Boden. Die Tränen. Der Moment, der wichtiger ist als das, was ursprünglich geplant war.
Und wenn du gerade lächelst
Dann bist du genau richtig hier. 💛
Vielleicht sitzt du gerade da und denkst: Oh ja. Eigentlich wollte ich auch nur kurz duschen gehen. Oder den Briefkasten leeren. Oder kurz aufräumen. Und jetzt ist eine halbe Stunde vergangen und der ursprüngliche Plan ist irgendwo zwischen Unkraut-Rupfen und Fotoalbum-Blättern verschwunden.
Du bist nicht allein.
Und vielleicht findest du für dich einen kleinen Weg – eine Liste, ein Anker, ein Weckerton, ein Post-it – der dir hilft, diesen Sprüngen etwas mehr Rahmen zu geben. Ohne sie komplett wegzumachen. Denn die Sprünge gehören dazu. Die sind du.
Nur manchmal darf auch die Dusche dran sein. ✨
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