Wut ist wichtig und nützlich - Über Wut und Agression und wie wir Gefühle wieder zu unterscheiden lernen und ihre Bedeutung erkennen dürfen

Über Wut und Agression - Bewusstseinsarbeit mit Neurodivergenten - Praxis Martina Wilke

Wut ist nicht Aggression

Ich habe in den letzten Tagen lange über Wut nachgedacht. Nicht nur theoretisch. Sondern, weil ich sie selbst erlebt habe. Und das Interessante daran war gar nicht die Wut selbst. Das Interessante war, wie unterschiedlich Menschen sie wahrnehmen.

Ich glaube, genau da beginnt das eigentliche Missverständnis.

Viele werfen Wut, Aggression und Gewalt in einen Topf.

Für mich sind das drei völlig unterschiedliche Dinge. Und genau deshalb möchte ich darüber schreiben.


Nicht, weil ich die Wahrheit kenne.

Sondern weil ich meine Wahrnehmung teilen möchte.

Vielleicht erkennst Du Dich darin wieder.

Vielleicht auch nicht.


Wut ist erst einmal nur ein Gefühl


Für mich ist Wut nichts Gefährliches.

Sie ist zunächst einmal genau das, was auch Traurigkeit, Freude oder Angst sind.

Ein Gefühl.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Wut ist weder gut noch schlecht.

Sie ist einfach da.

Sie gehört zu uns Menschen.

Und sie hat ihren Sinn.


Wenn ich heute wütend werde, dann ist das für mich ein Zeichen.

Nicht dafür, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Sondern dafür, dass ich genauer hinschauen sollte.

Was macht mich gerade wütend?

Was passt für mich gerade nicht?

Wo wird vielleicht eine Grenze überschritten?

Wo handle ich gegen mich selbst?


Oder wo bleibe ich in einer Situation, die sich längst nicht mehr stimmig anfühlt?

Früher hätte ich versucht, diese Wut möglichst schnell wieder loszuwerden.

Heute interessiert mich viel mehr, was sie mir eigentlich zeigen möchte.


Der Unterschied zwischen Wut und Aggression


Ich glaube, dass viele genau an dieser Stelle nicht unterscheiden.

Wut ist für mich ein Gefühl.

Aggression beschreibt das Verhalten.

Das ist etwas völlig anderes.

Ich kann wütend sein, ohne jemanden anzugreifen.

Ich kann laut sein.

Ich kann sagen, dass ich gerade platzen könnte.

Und trotzdem vollkommen bei mir bleiben.

Für mich gehört das zusammen.

Ich muss Wut nicht unterdrücken.


Aber ich muss sie auch nicht an einem anderen Menschen auslassen.

Genau das ist für mich der entscheidende Unterschied.

Ich kann meine Wut halten.

Ich kann sie wahrnehmen.

Ich kann sie ausdrücken.

Und gleichzeitig entscheiden, was ich damit mache.

Das fühlt sich für mich heute völlig anders an als früher.


Gefühle verschwinden nicht


Ich glaube nicht, dass Gefühle verschwinden, nur weil wir sie unterdrücken.

Sie suchen sich irgendwann ihren Weg.

Vielleicht nicht heute.

Vielleicht nicht morgen.

Aber irgendwann.


Das habe ich bei mir selbst erlebt.

Ich habe Wut schon als Kind in mir getragen.

Sie durfte nur nicht da sein.

Also habe ich sie weggedrückt.

Immer wieder.


Irgendwann wird daraus aber ein Druck, der immer größer wird.

Und irgendwann reicht dann oft nur noch ein kleiner Auslöser.


Von außen sieht es so aus, als wäre dieser eine Moment schuld.

Für mich ist das aber selten so.

Meistens ist schon viel vorher etwas entstanden.

Etwas, das sich immer weiter angesammelt hat.


Ich war früher ein Pulverfass


Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann gab es eine Zeit, in der ich tatsächlich wie ein wandelndes Pulverfass war.

Nicht, weil ich ein aggressiver Mensch war.

Sondern weil ich unglaublich viel unterdrückt habe.

Ich habe lange versucht, so zu leben, wie andere es erwartet haben.

Ich habe funktioniert.

Ich habe ausgehalten.

Ich habe geschluckt.


Und genau das hat irgendwann dazu geführt, dass sich diese Kraft ihren Weg gesucht hat.

Heute weiß ich, dass das gar nicht anders sein konnte.

Ein Gefühl verschwindet nicht, weil wir es nicht haben wollen.

Es bleibt.

Bis wir bereit sind, hinzuschauen.


Wut kann unglaublich klar sein


Das Erstaunliche ist, dass sich Wut heute für mich oft sehr klar anfühlt.

Früher hätte mich das erschreckt.

Heute nicht mehr.

Ich spüre sie.

Sehr deutlich sogar.

Und gleichzeitig weiß ich, dass sie nicht gegen einen anderen Menschen gerichtet sein muss.

Ich muss niemanden verletzen.

Ich muss niemanden klein machen.

Ich muss niemanden überzeugen.


Ich kann einfach wahrnehmen:

Da ist gerade Wut.

Und diese Wut möchte mir etwas zeigen.

Allein dieser Unterschied verändert für mich unglaublich viel.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, die Wut loszuwerden.

Sondern darum, sie zu verstehen.



Wut will nicht zerstören


Ich glaube, dass viele Menschen Angst vor Wut haben.

Nicht unbedingt vor ihrer eigenen.

Sondern vor der Wut anderer.

Sobald jemand lauter wird oder starke Gefühle zeigt, entsteht oft sofort der Eindruck, jetzt wird es gefährlich.

Ich erlebe das anders.

Für mich entscheidet nicht die Lautstärke.

Auch nicht die Intensität eines Gefühls.


Entscheidend ist vielmehr die Frage:

Was passiert mit dieser Wut?

Richtet sie sich gegen andere Menschen?

Oder bleibt sie bei mir?

Das ist für mich ein riesiger Unterschied.


Ich kann sagen: „Ich bin gerade so wütend, ich könnte platzen."

Und trotzdem weiß ich ganz genau, dass diese Wut niemandem gilt.

Sie ist erst einmal meine.

Ich nehme sie wahr.

Ich halte sie.

Ich lasse sie da sein.

Und genau dadurch muss sie sich nicht unkontrolliert entladen.


Wut braucht kein Ventil gegen andere


Ich höre oft, dass Wut unbedingt raus muss.

Ja.

Und nein.

Ich glaube nicht, dass es darum geht, sie einfach irgendwo abzuladen.

Es bringt wenig, auf einen Boxsack einzuschlagen oder jemanden anzuschreien, wenn ich gar nicht verstehe, worum es eigentlich geht.

Für mich beginnt es viel früher.

Ich möchte erst verstehen.


Warum ist diese Wut überhaupt da?

Was zeigt sie mir?

Womit bin ich gerade nicht einverstanden?

Denn häufig ist die Situation, die mich wütend macht, gar nicht das eigentliche Thema.

Sie macht nur etwas sichtbar.

Etwas, das schon länger in mir arbeitet.


Wut zeigt Grenzen


Je besser ich meine Wut kennengelernt habe, desto deutlicher wurde mir, dass sie fast immer mit meinen Grenzen zu tun hat.

Sie zeigt mir, wenn etwas für mich nicht mehr stimmt.

Wenn ich mich verbiege.

Wenn ich Dinge aushalte, die ich eigentlich längst nicht mehr aushalten möchte.


Oder wenn ich merke, dass etwas meinen Werten völlig widerspricht.

Früher habe ich versucht, trotzdem zu funktionieren.

Heute gelingt mir das immer weniger.

Nicht, weil ich empfindlicher geworden bin.

Sondern weil ich mich selbst ernster nehme.


Beziehungen machen Gefühle sichtbar ❤️


Gerade in Beziehungen fällt mir das immer wieder auf.

Nicht, weil Beziehungen schwierig sind.

Sondern weil sie unglaublich ehrlich sind.

Sie zeigen uns Seiten von uns, die wir alleine oft gar nicht wahrnehmen würden.

Dabei geht es für mich gar nicht darum, wer Recht hat.


Mich interessiert vielmehr, was in mir gerade passiert.

Was fühle ich?

Kann ich dieses Gefühl überhaupt halten?

Oder brauche ich den anderen, damit es wieder verschwindet?

Das sind für mich spannende Fragen.

Denn ich glaube, genau dort unterscheiden sich Menschen manchmal sehr.


Gefühle aushalten


Ich habe viele Jahre gebraucht, um Gefühle wirklich auszuhalten.

Nicht sie wegzudrücken.

Nicht sie kleinzureden.

Nicht sofort etwas dagegen tun zu müssen.

Einfach dazusitzen.

Zu spüren.

Und wahrzunehmen.


Das klingt so selbstverständlich.

Ist es aber nicht.

Gerade starke Gefühle wollen oft sofort eine Handlung.

Sie wollen etwas verändern.

Etwas loswerden.

Etwas beenden.

Heute weiß ich, dass ich nicht jede Emotion sofort umsetzen muss.

Ich darf sie erst einmal fühlen.

Das macht für mich einen riesigen Unterschied.


Unterdrückte Gefühle verschwinden nicht einfach


Ich glaube sogar, dass genau darin häufig das eigentliche Problem liegt.

Nicht in der Wut.

Sondern darin, dass sie keinen Platz bekommt.

Dann wird sie kleiner gemacht.

Überdeckt.

Wegerklärt.

Oder ignoriert.


Aber sie ist trotzdem noch da.

Manchmal jahrelang.

Irgendwann sucht sie sich ihren Weg.

Nicht unbedingt dort, wo sie entstanden ist.

Sondern oft dort, wo es gerade möglich ist.


Deshalb lohnt es sich für mich immer wieder, nicht nur auf den Auslöser zu schauen.

Sondern auf das, was schon lange vorher da war.

Denn genau dort beginnt für mich wirkliche Veränderung.



Aggression ist nicht automatisch Wut


Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto deutlicher wird für mich, dass Wut und Aggression zwar zusammen auftreten können, aber nicht müssen.

Ich glaube sogar, dass viele Menschen Aggression zeigen, ohne überhaupt Zugang zu ihrer eigenen Wut zu haben.


Das klingt vielleicht erst einmal widersprüchlich.

Für mich ist es das nicht.

Ich erlebe immer wieder Menschen, die unglaublich abfällig über andere sprechen. Die ständig Schuldige suchen. Die sich über andere erheben oder alles im Außen verantwortlich machen.

Für mich hat das eine ganz andere Qualität.


Es wirkt nach außen vielleicht ruhig.

Die Stimme bleibt leise.

Es wird nicht geschrien.

Und trotzdem empfinde ich es als aggressiv.

Vielleicht sogar aggressiver als jemanden, der einmal laut wird, seine Wut ausdrückt und danach wieder bei sich ankommt.


Nicht die Lautstärke entscheidet


Wir schauen häufig auf die Lautstärke.

Ob jemand schreit.

Ob jemand laut wird.

Ob jemand mit der Faust auf den Tisch haut.

Für mich ist das aber gar nicht das Entscheidende.


Mich interessiert viel mehr, was darunter liegt.

Ist da ein Mensch, der gerade ein starkes Gefühl ausdrückt und trotzdem bei sich bleibt?

Oder ist da jemand, der seine Verletzungen ständig nach außen trägt, ohne sie überhaupt zu erkennen?


Das fühlt sich für mich vollkommen unterschiedlich an.

Deshalb irritiert es mich manchmal, wenn nur auf den Ton geschaut wird.

Ich nehme etwas ganz anderes wahr.


Was steckt eigentlich darunter?


Mich interessiert schon lange nicht mehr nur das Verhalten.

Mich interessiert das, was darunter liegt.

Denn unter Wut liegt häufig noch etwas anderes.

Manchmal Traurigkeit.

Manchmal Hilflosigkeit.

Manchmal das Gefühl, nicht gesehen zu werden.

Nicht verstanden zu werden.


Oder immer wieder über die eigenen Grenzen gegangen zu sein.

Das macht die Wut für mich nicht kleiner.

Aber verständlicher.

Sie bekommt einen Zusammenhang.

Und genau das verändert meinen Blick.


Meine Wut hat sich verändert


Wenn ich an früher denke, dann war meine Wut oft etwas ganz anderes als heute.

Sie hatte sich über Jahre angesammelt.

Sie war vermischt mit allem Möglichen.

Mit alten Verletzungen.

Mit Enttäuschungen.

Mit Dingen, die nie ausgesprochen wurden.

Damals konnte ich das gar nicht auseinanderhalten.

Heute kann ich das.


Ich merke viel früher, wenn sich etwas in mir verändert.

Ich spüre, wenn ich innerlich enger werde.

Wenn etwas nicht mehr stimmig ist.

Wenn ich länger über meine eigenen Grenzen gehe.

Und genau deshalb muss sich heute auch nicht mehr alles aufstauen.


Gefühle brauchen Bewusstsein


Für mich liegt genau dort der Unterschied.

Nicht darin, ob Gefühle da sind.

Sondern darin, ob ich sie überhaupt wahrnehme.

Ob ich merke, was gerade in mir passiert.

Oder ob ich einfach automatisch reagiere.

Ich glaube, viele Gefühle laufen unbewusst ab.

Wir handeln.

Wir sprechen.

Wir bewerten.


Und merken gar nicht, was uns eigentlich antreibt.

Ich finde das unglaublich spannend.

Nicht bei den anderen.

Vor allem bei mir selbst.

Denn je bewusster ich meine Gefühle wahrnehme, desto freier werde ich in meinem Handeln.

Dann entscheidet nicht mehr die Emotion.

Dann entscheide ICH.


Beziehung als gemeinsamer Entwicklungsraum


Gerade in einer Beziehung wird das sichtbar.

Dort begegnen sich zwei Menschen mit ihrer Geschichte.

Mit ihren Erfahrungen.

Mit ihren Prägungen.

Mit ihren Gefühlen.

Natürlich wird dabei immer wieder etwas ausgelöst.

Das lässt sich gar nicht vermeiden.


Die Frage ist für mich nicht, ob etwas ausgelöst wird.

Sondern wie wir damit umgehen.

Ob wir bereit sind, beim Gefühl zu bleiben.

Ob wir neugierig werden.

Oder ob wir sofort reagieren.


Für mich ist eine Beziehung deshalb viel mehr als nur Zusammenleben.

Sie ist ein Raum, in dem wir uns selbst begegnen.

Immer wieder.

Und manchmal zeigen gerade die schwierigsten Momente am deutlichsten, wo wir selbst gerade stehen.




Eigene Gefühle wieder fühlen lernen


Ich glaube, dass ich heute an einem Punkt bin, an dem ich meine Gefühle anders wahrnehme als früher.

Nicht, weil ich keine Wut mehr kenne.

Ganz im Gegenteil.

Ich nehme sie heute oft sogar früher wahr.

Der Unterschied ist, dass sie mich nicht mehr mitreißt.


Früher war Wut etwas, das irgendwann einfach da war. Sie hatte sich über Wochen oder Monate aufgebaut. Ich habe funktioniert. Habe Dinge ausgehalten. Habe geschluckt. Immer wieder.

Bis irgendwann nichts mehr ging.


Heute merke ich viel früher, wenn sich in mir etwas verändert.

Ich merke, wenn etwas nicht mehr stimmig ist.

Ich merke, wenn ich zu lange über meine eigenen Grenzen gehe.

Und ich merke, wenn ich anfange, etwas auszuhalten, das mir eigentlich längst nicht mehr guttut.

Das ist für mich ein riesiger Unterschied.


Wut darf da sein


Früher hätte ich versucht, diese Wut möglichst schnell wieder wegzubekommen.

Heute nicht mehr.

Heute darf sie da sein.

Ich muss sie nicht sofort verändern.

Ich muss sie nicht erklären.

Und ich muss mich dafür auch nicht rechtfertigen.

Sie gehört zu mir.

Genau wie alle anderen Gefühle auch.


Ich glaube, das ist etwas, das viele von uns nie gelernt haben.

Wir lernen früh, welche Gefühle erwünscht sind.

Freude.

Dankbarkeit.

Ruhe.

Aber Wut?

Die wird häufig sofort bewertet.

Dabei ist sie erst einmal einfach nur da.


Was mache ich mit dieser Wut?


Das ist für mich die eigentliche Frage.

Nicht, ob ich wütend bin.

Sondern was ich daraus mache.

Lasse ich mich von ihr mitreißen?

Oder kann ich sie wahrnehmen, ohne ihr sofort folgen zu müssen?

Für mich ist das heute möglich.


Nicht immer.

Ich bin auch nur ein Mensch.

Natürlich gibt es Situationen, in denen ich an meine Grenzen komme.

Natürlich gibt es Momente, in denen mir etwas zu viel wird.

Aber selbst dann merke ich inzwischen viel schneller, was gerade passiert.

Allein dieses Bewusstsein verändert unglaublich viel.


Bewusstsein schafft einen Zwischenraum


Früher war da oft nur ein Reiz.

Und eine Reaktion.

Heute ist da etwas dazwischen entstanden.

Ein kleiner Moment.

Ein Innehalten.

Ein Wahrnehmen.

Da ist Wut.

Ich spüre sie.


Und dann kommt die nächste Frage.

Was möchte sie mir gerade zeigen?

Allein dieser kleine Zwischenraum gibt mir die Möglichkeit, bewusst zu entscheiden.

Nicht immer perfekt.

Aber immer häufiger.


Gefühle sind kein Gegner


Ich empfinde Gefühle nicht mehr als etwas, das verschwinden muss.

Sie gehören zum Menschsein dazu.

Alle.

Nicht nur die angenehmen.

Auch Traurigkeit.

Auch Angst.

Auch Wut.

Sie erzählen uns etwas über uns selbst.


Deshalb interessiert mich nicht nur das Gefühl.

Mich interessiert seine Geschichte.

Warum ist es da?

Warum gerade jetzt?

Was hat es ausgelöst?

Und was hat vielleicht schon lange darauf gewartet, gesehen zu werden?


Beziehungen zeigen uns viel über uns selbst ❤️


Vielleicht sind Beziehungen genau deshalb so wertvoll.

Nicht, weil immer alles harmonisch ist.

Sondern weil wir uns darin immer wieder selbst begegnen.

Unsere Muster.

Unsere Verletzungen.

Unsere Prägungen.

Unsere Entwicklung.


Ich glaube, jeder Mensch, der uns berührt, zeigt uns auch etwas über uns selbst.

Manchmal gefällt uns das.

Manchmal überhaupt nicht.

Aber genau darin liegt für mich eine große Chance.

Nicht den anderen verändern zu wollen.

Sondern mich selbst besser kennenzulernen.


Wut ist für mich kein Rückschritt


Früher hätte ich gedacht, wütend zu sein bedeutet, wieder einen Schritt zurückzugehen.

Heute empfinde ich das anders.

Wut ist für mich kein Zeichen dafür, dass ich gescheitert bin.

Sie ist oft ein Zeichen dafür, dass ich mich selbst wieder ein Stück besser wahrnehme.

Dass ich merke, was für mich stimmt.

Und was nicht.


Dass ich erkenne, wo meine Grenzen sind.

Und wo ich sie vielleicht viel zu lange übergangen habe.

Deshalb erschreckt mich Wut heute nicht mehr.

Ich höre ihr zu.

Nicht immer sofort.

Nicht immer vollkommen.

Aber immer bewusster.

Und genau das verändert für mich alles.



Wut ist für mich eine Kraft


Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann glaube ich, dass ich Wut lange Zeit völlig falsch verstanden habe.

Genauer gesagt: Ich habe sie so verstanden, wie sie mir vorgelebt wurde.

Wut war laut.

Wut war gefährlich.

Wut musste unterdrückt werden.

Oder sie ist irgendwann explodiert.

Etwas dazwischen gab es für mich lange nicht.


Heute sehe ich das anders.

Heute ist Wut für mich eine Kraft.

Eine unglaublich kraftvolle Energie.

Nicht, weil sie zerstören möchte.

Sondern weil sie etwas in Bewegung bringen kann.


Wut möchte etwas verändern


Immer dann, wenn ich wirklich wütend werde, lohnt es sich für mich, genauer hinzuschauen.

Denn meistens zeigt sie mir sehr deutlich, dass etwas nicht mehr passt.

Dass ich irgendwo gegen mich selbst handle.

Dass ich etwas viel zu lange mitgetragen habe.

Oder dass ich mich in einem Umfeld befinde, das für mich einfach nicht mehr stimmig ist.


Früher hätte ich versucht, das auszuhalten.

Heute frage ich mich eher:

Was möchte sich hier verändern?

Denn genau dafür scheint Wut da zu sein.

Nicht um Menschen zu verletzen.

Sondern um etwas in Bewegung zu bringen.


Gefühle sind Wegweiser


Ich empfinde Gefühle inzwischen wie ein inneres Navigationssystem.

Nicht als Gegner.

Nicht als Störung.

Sondern als Orientierung.

Freude zeigt mir, dass etwas stimmig ist.

Traurigkeit zeigt mir, dass etwas betrauert werden möchte.

Angst macht mich aufmerksam.

Und Wut?

Wut zeigt mir oft sehr klar, wo etwas für mich nicht mehr passt.

Alle Gefühle haben ihre Berechtigung.

Erst wenn wir anfangen, sie zu bewerten, entstehen häufig Probleme.


Es geht nicht darum, keine Wut mehr zu haben


Ich glaube nicht, dass persönliche Entwicklung bedeutet, irgendwann nie wieder wütend zu sein.

Für mich wäre das eher ein Zeichen dafür, dass ich mich selbst nicht mehr wahrnehme.

Es geht auch nicht darum, immer ruhig zu bleiben.

Oder immer gelassen zu reagieren.

Wir sind Menschen.

Wir fühlen.

Wir reagieren.

Wir entwickeln uns.


Der Unterschied liegt für mich heute darin, dass ich meine Gefühle bewusster wahrnehme.

Dass ich mich nicht mehr so schnell mit ihnen identifiziere.

Und dass ich viel häufiger entscheiden kann, wie ich damit umgehen möchte.


Mensch sein bedeutet fühlen ❤️


Vielleicht ist genau das etwas, das ich in den letzten Jahren am meisten gelernt habe.

Mensch sein bedeutet nicht, nur die angenehmen Gefühle zuzulassen.

Mensch sein bedeutet, alles fühlen zu dürfen.

Auch Wut.

Auch Traurigkeit.

Auch Angst.

Sie gehören zu uns.

Sie machen uns nicht schwach.

Sie machen uns menschlich.


Und vielleicht beginnt genau dort ein anderer Umgang miteinander.

Nicht indem wir Gefühle bewerten.

Sondern indem wir wieder lernen, sie zu unterscheiden.


Mein Fazit


Für mich ist Wut nicht das Problem.

Sie war es nie.

Das Problem entsteht erst dann, wenn wir sie nicht wahrnehmen, sie unterdrücken oder sie mit Aggression und Gewalt gleichsetzen.


Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr über Gefühle sprechen.

Nicht nur über die angenehmen.

Sondern auch über die, die unbequem sind.

Dass wir genauer hinschauen.

Dass wir unterscheiden.

Und dass wir uns erlauben, Mensch zu sein.

Mit allem, was dazugehört.


Denn genau dort beginnt für mich Bewusstsein.


Nicht dort, wo keine Gefühle mehr da sind.

Sondern dort, wo ich sie wahrnehme, ohne von ihnen beherrscht zu werden.

Und vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Schritte überhaupt.


Nicht weg von der Wut.

Sondern hin zu einem bewussteren Umgang mit ihr. 🌿




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